Notfallplan für den Stall: Was jeder Betrieb vorbereitet haben sollte
Im Notfall entscheidet nicht, wer am besten improvisiert, sondern was vorher aufgeschrieben wurde. Die Checkliste für den eigenen Betrieb.
Cabalgo Redaktion · 31. Juli 2026 · 7 Min. Lesezeit
Kurz gesagt
Ein Notfallplan für den Stall beantwortet vier Fragen: Wer wird in welcher Reihenfolge angerufen, wo liegen Erste-Hilfe-Material, Halfter und Feuerlöscher, wie kommen Rettungsfahrzeuge auf das Gelände, und wer darf welche Entscheidungen und Kosten ohne Rücksprache veranlassen. Er muss schriftlich vorliegen, gut sichtbar aushängen und allen bekannt sein — auch Aushilfen und Reitbeteiligungen.
Der Denkfehler: „Wir wissen schon, was zu tun ist“
Im Ernstfall funktioniert Wissen schlechter als erwartet. Menschen unter Stress vergessen Telefonnummern, die sie seit Jahren kennen, und treffen Entscheidungen, die sie hinterher nicht erklären können.
Deshalb ist ein Notfallplan kein Bürokratieakt, sondern eine Entlastung: Er nimmt Menschen in der schlechtesten Minute ihres Tages die Entscheidung ab.
Was in den Plan gehört
1. Die Telefonliste, in Reihenfolge
Nicht alphabetisch, sondern nach Dringlichkeit sortiert:
- Notruf 112 (Feuerwehr, Rettungsdienst)
- Tierarzt mit Notdienstnummer — und ein zweiter Tierarzt als Rückfallebene
- Betriebsleitung mit Mobilnummer
- Pferdeklinik mit Adresse und Anfahrt
- Hufschmied
- Energieversorger für die Notabschaltung
Wichtig: vollständige Adresse des Betriebs mit oben auf dem Blatt, inklusive der Zufahrt, die der Rettungsdienst nehmen soll. Wer im Schockzustand die eigene Adresse buchstabieren muss, verliert wertvolle Minuten.
2. Wer entscheidet was
Der Teil, der am häufigsten fehlt und im Nachhinein am meisten Ärger macht. Zu klären ist:
- Wer darf den Tierarzt rufen, wenn der Besitzer nicht erreichbar ist?
- Bis zu welchem Betrag dürfen Behandlungen ohne Rücksprache veranlasst werden?
- Wer entscheidet über eine Klinikeinweisung?
- Wie wird verfahren, wenn der Besitzer eine Operation grundsätzlich ablehnt?
Diese Punkte gehören in den Einstellervertrag und ins Pferdeprofil — nicht nur in den allgemeinen Notfallplan. Sie sind pferdeindividuell.
3. Wo liegt was
- Erste-Hilfe-Kasten für Menschen und Verbandsmaterial für Pferde
- Feuerlöscher und Löschdecke
- Halfter und Stricke, griffbereit an jeder Box
- Hauptschalter für Strom und Wasser
- Schlüssel für Tore und Nottore
4. Evakuierungsreihenfolge
Bei Feuer zählt jede Sekunde. Festzulegen ist, welche Pferde zuerst herausgeholt werden, wohin sie gebracht werden — eine sichere, umzäunte Fläche abseits des Gebäudes — und wer die Zählung übernimmt. Ohne Sammelplatz laufen Pferde in Panik zurück in den brennenden Stall, das ist ein bekanntes Phänomen.
Die drei häufigsten Notfälle und was sie verlangen
Kolik
Der häufigste tiermedizinische Notfall. Der Plan sollte die Sofortmaßnahmen enthalten: Tierarzt rufen, Vitalwerte messen, Futter entfernen, beobachten. Details im Beitrag zum Erkennen einer Kolik.
Ausgebrochene Pferde
Besonders kritisch, wenn eine Straße in der Nähe liegt. Festzulegen sind: Wer wird verständigt (Polizei bei Straßengefährdung), wer sichert die Fahrbahn, wer treibt die Pferde ein — nie allein und nie ohne Absicherung.
Verletzte Person
Ein Reitunfall ist ein Personennotfall, kein Pferdethema. Der Plan sollte klarstellen: Person geht vor Pferd, Helm bleibt zunächst auf, Notruf mit präziser Ortsangabe. Und: Wer holt den Rettungsdienst an der Zufahrt ab? Auf großen Anlagen findet der Rettungswagen den Reitplatz sonst nicht.
Damit der Plan im Ernstfall funktioniert
Drei Bedingungen, ohne die der beste Plan wertlos ist:
- Er hängt sichtbar aus — im Stallgang, in der Sattelkammer, an der Reithalle. Nicht im verschlossenen Büro.
- Er ist digital verfügbar. Nachts steht niemand vor dem Aushang. Die wichtigen Nummern und die pferdeindividuellen Vollmachten müssen auf dem Handy abrufbar sein.
- Er ist aktuell. Einmal jährlich prüfen: Stimmen die Nummern noch, sind die neuen Einsteller eingetragen, ist der Feuerlöscher geprüft?
Und der Punkt, den man leicht übersieht: Auch Aushilfen, Reitbeteiligungen und Praktikanten müssen den Plan kennen. Genau diese Personen sind nämlich häufig allein im Stall, wenn etwas passiert.
Begriffe aus diesem Artikel
- Einstellervertrag — Der Einstellervertrag regelt die Unterbringung und Versorgung eines fremden Pferdes in einem Betrieb.
- Notfallprotokoll — Ein Notfallprotokoll ist eine schriftlich hinterlegte Handlungsanweisung für Notfälle im Stall — von Kolik über Verletzungen bis Feuer.
- Reitbeteiligung — Als Reitbeteiligung bezeichnet man eine Vereinbarung, bei der eine andere Person ein fremdes Pferd regelmäßig gegen Kostenbeteiligung reitet und versorgt, ohne Eigentümerin zu werden.
- Vitalwerte (PAT-Werte) — Die Vitalwerte eines Pferdes umfassen Puls, Atmung und Temperatur — kurz PAT.
Notfalldaten dort, wo sie gebraucht werden
In Cabalgo hinterlegst du je Pferd Notfallkontakt, Tierarzt, Vorerkrankungen, Allergien und Behandlungsvollmachten — auf dem Handy abrufbar für alle, die im Stall Verantwortung tragen.
Cabalgo Business ansehenHäufige Fragen
Ist ein Notfallplan im Reitstall vorgeschrieben?
Ein umfassender Notfallplan ist gesetzlich nicht ausdrücklich für jeden Pferdebetrieb vorgeschrieben. Aus der allgemeinen Verkehrssicherungspflicht und im Arbeitsschutz ergeben sich aber Pflichten zu Brandschutz, Erste-Hilfe-Ausstattung und Notfallorganisation, sobald Beschäftigte tätig sind. Unabhängig davon ist er im Schadensfall ein starkes Argument für sorgfältiges Handeln.
Wer darf im Notfall über eine Behandlung entscheiden?
Grundsätzlich der Eigentümer des Pferdes. Ist er nicht erreichbar, handelt der Betrieb in dessen mutmaßlichem Interesse. Damit das rechtssicher ist, sollte im Einstellervertrag geregelt sein, bis zu welchem Betrag der Betrieb Behandlungen veranlassen darf und wie im Falle einer Operation zu verfahren ist.
Was gehört in die stallinterne Erste-Hilfe-Ausstattung fürs Pferd?
Verbandsmaterial in ausreichender Größe, elastische Binden, Wundauflagen, ein Thermometer, eine Schere, Desinfektionsmittel und eine Taschenlampe. Medikamente gehören nur nach tierärztlicher Anweisung dazu. Wichtig ist, den Bestand regelmäßig zu prüfen und Verbrauchtes zu ersetzen.
Wie oft sollte ein Notfallplan aktualisiert werden?
Mindestens einmal jährlich sowie immer dann, wenn sich etwas Wesentliches ändert — neue Einsteller, Tierarztwechsel, Umbauten oder neue Zufahrten. Ein Plan mit veralteten Telefonnummern ist gefährlicher als gar keiner, weil man sich auf ihn verlässt.